Das
Bild des Kindes aus reggianischer Sicht
- Ein Kind hat hundert Sprachen - sagt Loriz Malaguzzi. Die verschiedenen Möglichkeiten der Sinneserfassung bilden die Grundlage für die vielen Sprachen der Kinder. Damit ihre Sinneserfahrungen zu einer Sprache/zum Ausdruck kommen, brauchen Kinder Materialien, Werkzeuge, Rollen- und darstellende Künste und auch symbolische Strukturen, um möglichst viele Formen der Wirklichkeitsaneignung zu erfahren, auszuprobieren und um persönliche Ausdrucksformen zu entwickeln.
Rätsel: Eines Morgens sitzen
Mama, Papa und der kleine Thomas, der vielleicht zwei oder drei ist, in der Küche
beim Frühstück. Plötzlich steht Mama auf und dreht sich zum Spülbecken um,
und dann - ja, dann schwebt Papa plötzlich unter der Decke. Was glaubst Du,
sagt Thomas dazu? Vielleicht zeigt er auf seinen Papa und sagt: "Papa
fliegt!" Sicher wäre Thomas erstaunt, aber das ist er ja sowieso. Papa
macht so viele seltsame Dinge, dass ein kleiner Flug über dem Frühstückstisch
in seinen Augen keine große Rolle mehr spielt. Jeden Tag rasiert er sich mit
einer witzigen Maschine, manchmal klettert er aufs Dach und dreht an der
Fernsehantenne herum oder er steckt den Kopf in den Automotor und kommt
rabenschwarz wieder zum Vorschein. Und dann kommt Mama an die Reihe. Sie hat gehört,
was Thomas gesagt hat, und dreht sich resolut um. Wie, glaubst Du, wird sie auf
den Anblick des frei schwebenden Papas über dem Küchentisch reagieren? Ihr fällt
sofort das Marmeladenglas aus der Hand, und sie heult vor Entsetzen auf.
Vielleicht muss sie zum Arzt, nachdem Papa wieder auf seinem Stuhl sitzt. (Er hätte
schon längst bessere Tischmanieren lernen sollen).
Warum reagieren Thomas und Mama so unterschiedlich, was meinst Du?
Es
ist eine Frage der Gewöhnung. [...] Mama hat gelernt, dass Menschen nicht
fliegen können. Thomas nicht. Er ist noch immer unsicher, was auf dieser Welt möglich
ist und was nicht.
Anscheinend
verlieren wir im Laufe unserer Kindheit die Fähigkeit, uns über die Welt zu
wundern. Aber dadurch verlieren wir etwas Wesentliches - [...] Denn irgendwo in
uns sagt etwas, dass das Leben ein großes Rätsel ist. [...] Für Kinder
ist die Welt - und alles, was es darauf gibt - etwas Neues, etwas, das Erstaunen
hervorruft (Hervorh., Verf.)" (Gaarder 1991, S. 24-25). In Reggio wird
das Staunen des Kindes als Beginn der eigenen Ordnung gesehen.
Ein
Zugang zur Reggio-Pädagogik ist nur möglich über die veränderte Auffassung
des Bildes vom Kind, seiner Wertschätzung und Achtung, sein Verhältnis zur
Welt der Erwachsenen. Nicht das unfertige Wesen, ein zu füllender leerer Behälter
ist das Kind, sondern eine Persönlichkeit mit einer bereits vorhandenen unerschöpflichen
Vielfalt an kreativen und phantasievollen Ausdrucksmöglichkeiten, denen in der
Erziehung Raum gegeben werden muss.
Durch
das Gedicht von Prof. Malaguzzi "Hundert
Sprachen hat das Kind" wird ein Teil des Bildes vom Kind beschrieben.
Malaguzzi schreibt: "
Das Kind wird als Konstrukteur seiner individuellen Wirklichkeit und Entwicklung verstanden. Kinder bilden sich im sozialen Kontext selbst, und lernen in und von der Gemeinschaft. Sie sind von Anfang an in der Lage sich mit ihrer sozialen Umwelt auszutauschen und sie machen sich von Geburt an durch sinnliche Erfahrungen ein eigenes Bild von der Welt. Für den Aufbau von Beziehungen sind Altersstruktur und Gruppengröße wichtige Komponenten. Kinder brauchen Unterstützung für die Bildung kleiner Gruppen und die Möglichkeit Beziehungen mit Gleichaltrigen einzugehen und auch Kontakt zu Kindern auf anderen Entwicklungsstufen zu pflegen. Nach Malaguzzi gibt es Kindheit und Kinder nicht so an sich, also abstrakt, sondern ist immer Kindheit von heute, ist dieses Kind, ist dieser Junge und dieses Mädchen mit seinem Lachen und Weinen. Es lebt jetzt mit uns, freut sich jetzt mit uns – und bis weilen auch an uns. Das sollten wir niemals vergessen. Die Achtung vor der Individualität jedes Kindes gehört zu den Grundsäulen dieses Denkens. „Ich werde kein Kind zu etwas anderem umformen, als es ist“ lesen wir auch bei J. Korczak. Aber, so Malaguzzi, dieses Kind steht von Anfang an in Beziehungen zu seiner Lebenswelt. In jedem lebendigen Wesen ist das Vermögen vorhanden, aber auch der Wunsch, in einen Austausch zu treten, Beziehungen aufzunehmen, zu kommunizieren (communicatione ist ein Schlüsselwort) mit vielen Gesprächspartnern: Der Mutter zuerst, dem Vater, den begegnenden Erwachsenen und Kindern, den Dingen der Umwelt mit ihren Erscheinungen wie z. B. dem Licht oder den Schatten usw. Kinder sind neugierig (gierig nach Neuem) und Erwachsene neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen. Kinder möchten erforschen, erkunden, erfahren, erleben, experimentieren, Gedanken entwickeln und aufbauen.
Kurz: Sie möchten lernen, aber im eigentlichen Sinn des Wortes und nicht in den deformierten Formen, wie es ihnen oft in unseren Schulen zugemutet wird. Hier finden die Kolleginnen aus Reggio Beistand in uralten Einsichten der Pädagogik. Am eindringlichsten hat dies J. Piaget formuliert: „Bei allem, was man einem Kind beibringt, hindert man es daran, es selbst zu erforschen und zu entdecken“. Kinder, so sagten wir, befinden sich in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt – mit Menschen, Dingen, Situationen. Im Dialog mit diesen entfalten sie ihre Identität. Mit anderen Worten, ein Kind ist mächtig, es befindet sich in Beziehungen und entsteht aus Beziehungen. Man muss dem Kind die Welt zeigen.von W.C.