Die Rolle der Erzieherin

Erzieherinnen sind Assistentinnen der Kinder, die zuhören, beobachten und den Kindern Sicherheit anbieten. Ihre Arbeit wir nicht bestimmt durch Lernziele und Standards, an die es die Kinder anzupassen gilt, sondern vom Vertrauen auf die kindliche Kompetenz. Kinder fragen nicht, um unsere Antworten zu hören, sondern um Instrumente zu bekommen, die das eigene Forschen erweitern. Die Vorstellung der Assistenz des Erwachsenen beim gemeinsamen Lernprozess mit Kindern ist eine Grundeinstellung zu dem, was man das pädagogische Verhältnis genannt hat. Ziel ist es, erzieherische Handlungen und „Bildungsanlässe“ so zu entwickeln, dass sie gemeinsame Schöpfungen sind, d.h. keine Weitergabe von etwas, was der Erwachsene kann oder weiß. Das Interesse gilt dabei der zentralen Frage: Wie lernen Kinder? Wie lernen sie wahrzunehmen, zu denken, sich auszudrücken und zu gestalten? Wie können Pädagoginnen Kindern dabei partnerschaftliche Begleiterin und sensible Unterstützerin sein? Die Reggio-Pädagogik setzt das kreative Individuum voraus. Malaguzzi sagte uns: “Bei uns steht das Kind aufrecht, auf beiden Beinen – es versteht, sieht, hört und spricht sofort, auch das kleine Kind, auch der Säugling. Wir wollen die Kinder nicht länger als schwach und ohnmächtig ansehen!“ 

Es ist üblich geworden, dass jeder Pädagoge oder jede Pädagogin, die heute einen Vortrag hält, sich auf die Hirnforschung beruft. Damit zeigt er oder sie, dass angeblich wichtige Erkenntnisse nicht an einem vorübergegangen sind. Jedenfalls kann man bei Hirnforschern heute lesen, was Malaguzzi und andere Pädagogen über Kinder gedacht haben: Sie formulieren etwa so: Wenn Kinder zur Welt kommen, verfügen sie offenbar über ein wichtiges Denkkonzept für die erfolgreiche Erkundung der Welt. Wie kleine Wissenschaftler sind sie fähig, Theorien zu entwerfen, diese durch Versuch und Irrtum zu überprüfen, zu korrigieren und so ihr Weltbild aufzubauen. Nun, die Pädagogik kann den Forschern unseres Gehirns bestätigen, dass sie eine richtige Vermutung haben. In der Sprache Reggios klingt das allerdings anders, menschlicher eben und poetischer: „Der Bau der Kenntnisse ist ein großer Tanz, der sich in Raum und Zeit bewegt. Der Prozess des Lernens ist eine täglich neue Mischung von Wissen. Kinder lernen nicht linear, ihr Lernen gleicht dem Flug eines Schmetterlings, der sich bald hier – bald dort niederlässt!“ Um dies zu erreichen bedarf es einer Atmosphäre der Geborgenheit. Ein unsicheres Kind kann nicht forschen, ein sicheres Kind dagegen ist reich, denn es hat Neugier und Vorstellungskraft. Nur in einer Situation großer Sicherheit kann ein Kind Erforscher und Entdecker seiner Umwelt werden und Hypothesen, Erklärungsansätze, Theorien wagen. Ein verängstigtes, mutloses Kind, das seiner nicht sicher ist, stellt nur wenige Hypothesen auf. Hier schimmert durch, dass die Reggianer ihren Bowlby aufmerksam studiert haben und seine Vorstellungen über Bindung auf die Personen im Kindergarten ausgeweitet haben. Erst die emotionale Stabilisierung, auch im Zusammenwirken mit der Kindergruppe und der Raumatmosphäre, gewährleistet Geborgenheit und Sicherheit. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Respekt sind gefordert, damit die Erzieherin die Reaktionen der Kinder wahrnehmen und aufgreifen kann. Aufmerksamkeit transportiert Wertschätzung. Das kindliche Selbstwertgefühl hängt enorm eng mit der Wertschätzung zusammen, die es von anderen empfängt. Jeder Mensch braucht Aufmerksamkeit, jeder möchte, ja muss sich im Bewusstsein seiner Mitmenschen gespiegelt finden. Daraus entsteht Erfolg, den ein Kind zur Entwicklung seines Selbstvertrauens, seines Selbstbewusstseins und seiner Selbstachtung braucht. In Kurzform gebracht: Ich kann etwas – ich habe etwas zustande gebracht – meine Arbeit wird wertgeschätzt! (nicht bewertet!) 

Die Kunst der Dokumentation der Lerngeschichten von Kindern ist Teil dieser Gesinnung. Sie können diese in der Ausstellung erleben! Es ergeben sich also hohe Anforderungen an die Erwachsenen, die seine Lernprozesse begleiten. Neben dem Raum gibt es auch eine personale Umwelt für das Kind, die gleichsam als eine vorbereitete und angepasste gestaltet werden muss. Sie ermöglicht dem Kind, auf der Grundlage von Bindung und Vertrauen in die Welt, sich auf den Weg der Erkundung und Aneignung von Welt zu begeben. So findet das Kind seinen Weg der Bildung. Diese Grundeinstellung dem Kind gegenüber hat eine frühere Zeit den „pädagogischen Eros“ genannt. In Reggio können wir ihn wieder finden. 

In der Sprache Reggios: „Eine Erzieherin ist jemand, die mit den Kindern sehen lernt. Die Hände der Erzieherin greifen nicht ein, nicht beschleunigend, nicht belehrend, nicht verbessernd. Aber sei geben dem Kind emotionale Sicherheit und Anteilnahme.“ 

von W.C.

 

Aus einem Text  aus dem Internet von Gerd e. Schäfer

6.7 Der Beitrag der Erziehung

6.7.1 Rahmen bilden

"Doch all dies enthebt die Erwachsenen nicht davon, einen wesentlichen Betrag dazu zu leisten, dass die Kinder diese Möglichkeiten produktiv einsetzen. Unsere Aufgabe besteht darin, den Kindern bei ihrer Auseinandersetzung mit der Welt zu helfen, wobei all ihre Fähigkeiten und Ausdrucksweisen eingesetzt werden" (ebenda). Die Erwachsenen schaffen die Rahmenbedingungen, in denen die Kinder ihre Möglichkeiten gebrauchen und entfalten können, sie entscheiden wesentlich darüber, ob Kinder sie tatsächlich einsetzen oder verkümmern lassen. Dazu gehört einerseits, den Kindern ihre Möglichkeit zu einer eigenständigen kulturellen Ordnung auch zuzumuten. Zum anderen verbindet sich damit die Aufgabe, den kulturellen Rahmen zu repräsentieren, wie auch zu präsentieren, eine symbolische Ordnung anzubieten, durch die Kinder in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Erfahrungen zu denken.

6.7.2 Scheinbar gültige Maßstäbe in Zweifel ziehen

Wenn Kinder die Welt zu begreifen versuchen, erschließen sie in ihren kindlichen Deutungen Horizonte, die der erwachsenen Denkwelt weit entfernt scheinen. So verbinden Kinder etwa mit dem Schatten vielfältige Vorstellungen: "Mein Schatten läuft auf der Sonne." "Der Schatten in der Nacht geht ganz nah an seine Lampe." "Der Schatten ist eigentlich ganz doof, es ist so ein Schatten, der mich kopiert, der mich nachmacht." "Der Schatten wird aus dem Bauch meiner Mutter geboren." usw. Um den Kindern ihren eigenen produktiven Umgang mit der Wirklichkeit zu ermöglichen, müssen Erwachsene solche Denkwege, in denen sich Phantasie und Verstand mischen, erst einmal genauso ernst nehmen, wie ihre eigenen. Sind die Erklärungen der Kinder nicht genauso bedeutungsvoll, wahr, wie die der Erwachsenen, zumindest hinsichtlich der Fragen, die ein Kind stellt? Wenn wir die Wahrnehmungen und Erklärungen von Kindern belächeln, wenn wir ihnen ein egozentrisches Weltbild unterstellen, wenn wir die Scheidung von Phantasie und Wirklichkeit anmahnen, setzen wir dabei nicht allzu leicht voraus, dass Kinder an der Wirklichkeit genau das interessiert, was für Erwachsene im Zentrum des Blickwinkels stehen mag, nämlich eine angeblich objektive Weltsicht. Wenn diese nicht das oberste Ziel kindlichen Interesses sein sollte, welchen Sinn machte es dann, die Ordnungen der Kinder nur an diesem Maßstab zu messen?

6.7.3 Eine Kinderkultur wachsen lassen

Diese Bereitschaft zur Toleranz darf jedoch nicht damit verwechselt werden, dass Erwachsene keine Maßstäbe haben sollten. Es geht nur um die Frage, ob wir Kindern nicht ihre eigenen Möglichkeiten, Welt zu entdecken, zu strukturieren und zu denken verbauen, wenn wir sie auf unsere Auffassungen verpflichten. Dem Kind werden Normen gesetzt, die die Erwachsenen für sich selbst geschaffen haben. Dadurch nehmen wir dem Kind einen großen Teil seiner Lebensfreude und seiner Fähigkeiten, die Welt zu entdecken und zu verändern. "...Kinder sind nämlich Träger unserer und Erfinder eigener Kultur. Es geht darum, die Fähigkeiten und die Kultur der Kinder wiederzuentdecken" (Malaguzzi zit. nach Dreier 1993, S. 71). Genau dies ist ein Anliegen der Reggio-Pädagogik.

6.7.4 Kindliches Lernen unterstützen statt lehren

Aufgabe eines Erziehers ist es nicht, Kinder zu belehren und ihnen einen fertigen Lehrstoff nahezubringen. Sie bei ihren Erfahrungen zu begleiten verlangt mehreres: zum einen, Möglichkeiten zur Erfahrung für Kinder schaffen, zum zweiten, sie zu immer wieder variierenden Erfahrungsfassetten herauszufordern und, drittens, ihnen ein Dialogpartner für die Ordnung ihrer Erfahrungswelt zu sein, ohne ihre Einsichten umstandslos durch die eigenen, "besseren" Einsichten ersetzen zu wollen.

6.7.5 Erfahrungen teilen

Erzieher und Kind begeben sich gemeinsam auf Erfahrungsreise. Der Erzieher sollte ein Mensch sein, der mitspielt, sich den Interessen der Kinder einfügt, sich auf die Ebene von einem Kind stellen kann, "selbst noch Kind sein kann", bzw. sich in einen kindlichen Forscher verwandeln kann. Dies verlangt vom Erzieher einerseits Einfühlungsvermögen, andererseits die Bereitschaft, von Kindern zu lernen, insbesondere da, wo sich die kindliche Weltsicht von der der Erwachsenen deutlich unterscheidet. So teilen sich Kind und Erzieher die Erfahrungen. Kinder lernen von Erwachsenen, wie Erwachsene von Kindern lernen.

6.7.6 Zukunft ist kein Ersatz für die Gegenwart

"Wir dürfen die Gegenwart der Kinder nicht einer ungewissen Zukunft opfern" (Dreier 1993, S. 84). Erzieher wollen durch Beobachtung das Kind, das sie hier und jetzt vor sich haben, kennen und verstehen lernen. Dabei handelt es sich nicht um eine distanzierende, unbeteiligte Beobachtung, sondern um eine aufmerksames, beteiligtes Sich-Einlassen auf das Kind und seine Wirklichkeit. Hierdurch wird Druck und Eile bei der Entwicklung vermieden, welche zu ständigem Belehren nötigen und dazu, die Gegenwart einer - vom Pädagogen für bedeutsam erachteten - Zukunft zu opfern.

6.7.7 Es geht um die Qualität von Lernprozessen, nicht (nur) um Resultate

Bei Projekten und Aufgaben werden von den Kindern keine speziellen Lernergebnisse erwartet. So steht nicht das Endprodukt eines Projektes, also die fertige Zeichnung oder Bastelarbeit, im Mittelpunkt, sondern allein die Entwicklungsschritte, die ein Kind im Laufe des Projektes durchlebt, und die Erfahrungen, die es dabei sammeln kann. Der Erzieher soll seine Aufmerksamkeit auf die kindlichen Entwicklungsschritte, anstatt auf die Produkte lenken.

6.7.8 Soziale Resonanz

Pro Kindergruppe arbeiten in Reggio zwei Erzieher und eine Wirtschaftskraft, deren Aufgabenbereiche sich durchaus überschneiden können. So wie die Erzieher durchaus öfters beim Aufräumen oder Saubermachen mit anpacken, so beteiligen sich die Wirtschaftskräfte auch am Erziehungsprozess. Denn sie stehen den Kindern ebenfalls jederzeit bei Fragen oder Problemlösungen zur Verfügung. Die Kinder können jederzeit zu ihnen kommen, um beim Kochen oder Ähnlichem zu helfen. Eine Hierarchisierung innerhalb des Personals wird vermieden. Außerdem wird bei Projekten zusätzlich mit Nicht-Pädagogen wie Künstlern, Puppenspielern etc. zusammengearbeitet. Der Gruppe von Kindern steht also nicht nur ein einsamer Erzieher gegenüber, der mit seinen Problemen und Fragen allein gelassen wird, sondern ein geschlossenes Team von Kräften, die voneinander profitieren können.

6.7.9 Räume pädagogischen Nach-Denkens

Nicht nur die Betreuung von einer Kindergruppe zählt zu den Aufgaben eines Erziehers, sondern ebenso wichtig ist die Vor- und Nachbearbeitung der Gruppenstunden, die Planung von Projekten und die Durchführung von Teamgesprächen. So arbeiten die Erzieher in Reggio bei einer 36-Stundenwoche nur 32 Stunden in den Kindergruppen, und jeweils 4 Stunden pro Woche stehen ihnen für Planung, Teamarbeit etc. zur Verfügung. Denn gerade in Teamgesprächen können aufkommende Probleme ausdiskutiert werden, und neue Ideen und Anregungen gewonnen werden.

Zudem wird der Dokumentation der Entwicklungsschritte eines jeden Kindes große Bedeutung geschenkt. Durch sie werden die Entwicklungsfortschritte eines Kindes sowohl für die Eltern, als auch für die Erzieher transparent. Sie trägt darüber hinaus zur Identitätsbildung des Kindes bei.

Die Erzieher haben die Möglichkeit, während der Arbeitszeit an Fort- oder Weiterbildungskursen, oder auch an Seminaren an der Universität, teilzunehmen, sowie innerhalb durchgeführter Projekte mit Künstlern oder anderen Nicht-Pädagogen zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise können die Erzieher ihre professionellen und nichtprofessionellen Kenntnisse und Fertigkeiten erweitern. Diese Verbindung von professionellen und nichtprofessionellen Kompetenzen fördert die individuelle Zufriedenheit bei der pädagogischen Arbeit, unterstützt die soziale Anerkennung und ermöglicht der pädagogischen Arbeit Kristallisationspunkte pädagogischen Handelns, welche die professionellen Kompetenzen überschreiten.

von M.S. und W.C.