Erziehung in der Gemeinschaft

Die Beziehung des Kindergartens zur Gesellschaft beschreibt Malaguzzi sehr eindrücklich mit folgenden Worten:“ Wir stoßen immer wieder auf ein erstaunliches Phänomen: Es ist so, als ob Städte oft nicht zur Kenntnis nehmen, dass es in ihnen Kinder gibt, die dort leben. Oft beginnen Gesellschaften erst bei Schuleintritt, also spät, um zu merken, dass sie Kinder haben.“ und weiter: „ Dies ist schon häufig beklagt worden und wir müssen uns fragen, wie wir es erreichen können, dass Kinder von Anfang an Bürgerstatus erhalten, mit den selbstverständlichen Rechten, wie sie ErzieherInnen, Eltern und allen Erwachsenen zustehen.“ So betrachtet wird der Kindergarten ein Projekt, das die Stadt und ihre Bewohner begierig wahrnehmen. Dafür müssen die Kinder im Ort präsent sein- auf den Marktplätzen, in den Schwimmbädern, in den Theatern. Noch mal Malaguzzi:“ Wir müssen also darauf hinwirken, dass die Stadt die Intelligenz und Sensibilität der Kinder beachtet und berücksichtigt, etwa wenn sie Räume und Aktivitäten für Kinder gestaltet.“ Es ist in Reggio etwas gelungen, was es laut Autor kein zweites Mal gibt. Eine Stadt, deren Bekanntheitsgrad nicht von berühmten Gebäuden sondern wegen ihrer Kindergärten her weltberühmt ist. Diese bewundernswerte Situation ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ruht auf vielen Säulen: Die republikanische Geschichte der Kommune, die Erfahrungen des Widerstandes gegen den Faschismus, die erlebte Gemeinschaft, soziale Bewegungen, das hohe Engagement der Eltern vor allem der Frauen und Mütter für ein Leben der Teilhabe an der Lösung von Problemen einer Gesellschaft, unter anderem die Beantwortung der Frage: Wo bleiben unsere Kinder und unter welchen Bedingungen, wenn wir der Arbeit nachgehen.

In der „gemeinschaftlichen Aufgabe Erziehung“ sah Loris Malaguzzi die Grundlage eines demokratischen und solidarischen Gemeinwesens, denn „durch Beteiligung von Eltern und Bürgern an der Kindererziehung können Formen der Solidarität geübt und verwirklicht werden“. „Ich werde kein Kind zu etwas anderem umformen, als es ist“ lesen wir bei J. Korczak. Aber, so Malaguzzi, dieses Kind steht von Anfang an in Beziehungen zu seiner Lebenswelt. In jedem lebendigen Wesen ist das Vermögen vorhanden, aber auch der Wunsch, in einen Austausch zu treten, Beziehungen aufzunehmen, zu kommunizieren (communicatione ist ein Schlüsselwort) mit vielen Gesprächspartnern: Der Mutter zuerst, dem Vater, den begegnenden Erwachsenen und Kindern, den Dingen der Umwelt mit ihren Erscheinungen wie z. B. dem Licht oder den Schatten usw. Kinder, so sagten wir, befinden sich in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt – mit Menschen, Dingen, Situationen. Im Dialog mit diesen entfalten sie ihre Identität. Mit anderen Worten, ein Kind ist mächtig, es befindet sich in Beziehungen und entsteht aus Beziehungen. Man muss dem Kind die Welt zeigen. Aus diesem Grundsatz erklären sich die Durchlässigkeit und Offenheit zwischen Innen- und Außen. Transparenz ist darum ein weiteres Schlüsselwort. Malaguzzi vergleicht den Kindergarten deshalb gerne mit einem Tunnel, einem Ort ständiger Bewegung: Innen- und Außenbereich stehen in Beziehung zueinander. Was draußen ist, in der Umgebung, also in der Familie, dem Stadtteil usw. und was sich in der Einrichtung abspielt, soll für Kinder im Zusammenhang wahrnehmbar und erklärbar werden. Ein anderes Bild, das Reggio verwendet ist das Aquarium: Man kann jederzeit hinaussehen und von draußen haben alle Einblick, um zu verstehen, was drinnen geschieht. In der Geschichte der Kindergärten Reggios konnte die Offenheit soweit getrieben werden, dass in kritischen Zeiten die Arbeit der Einrichtungen in aller Öffentlichkeit unter den Kolonnaden des Theaters präsentiert wurde. Der Grundsatz wird deutlich: Ein Kindergarten verträgt keine Mauern, ist kein Kinderghetto, darf keine geschlossene Anstalt werden. Denn jeder am Ort soll wissen: Kinder gehören in unsere Welt, in unseren Alltag, sie sind nicht isoliert und abgeschoben wie Autos in die Parkhäuser. So ist die Architektur der Kindergärten auch Teil der Pädagogik. Wir können also ein Kind nicht als isoliertes Wesen betrachten, sondern es nur aus einem Prozess des In- Beziehung- Tretens mit Menschen und Dingen seiner kulturellen Umgebung verstehen. Erst der Austausch, die Kommunikation und Interaktion ermöglichen ihm, Bedeutung und Gestalt seiner Identität zu finden.

von W.C.