Experimentelle Pädagogik
bedeutet hier offen zu sein für pädagogische Situationen und Aktionen und es als Notwendigkeit zu sehen, immer wieder auf neue Wendungen einzugehen.

Aus einem Text aus dem Internet von Gerd e. Schäfer
In
dem Kindergarten Diana hatte die Erzieherin an die Fensterscheibe einen
Papiervogel geklebt. Nun erschien der Schatten des Vogels auf dem Fußboden des
Gruppenraumes. Irgendwann entdeckten die vierjährigen Kinder den Besucher, begrüßten
ihn. Sie brachten ihm Wasser und Futter und bauten ihm noch eine Fernsehecke zur
Entspannung. Danach wandten sie sich anderen Beschäftigungen zu. Das Interesse
an dem Vogel erwachte jedoch erneut: Hatte er wohl gefressen, und das Wasser
getrunken? Die Rückkehr zu ihm brachte eine Überraschung mit sich: Der Vogel
war ein Stück weitergeflogen. Die Kinder waren sehr erstaunt. Sie diskutierten
miteinander und kamen auf die Idee, ihn festzuhalten. Sie malten mit
Kreidestrichen seinen Umriss auf den Boden. Dennoch flog er weiter. Vielleicht könnte
ein Käfig ihn halten? Die Kinder befestigten mit Klebeband ein Gitter um den
Vogel. Doch wieder wanderte er weiter. Es gab Nachdenklichkeit und Gespräche
darüber, wie der Vogel wohl fliegen könne. Um das Rätsel zu lösen, wurden
die älteren Kinder aus der Nachbargruppe befragt. Diese hatten folgende Idee:
Man müsse sich verstecken und den Vogel beobachten, denn in Anwesenheit von
Menschen würde der Gast sein Geheimnis nicht preisgeben. Deshalb beobachteten
die Kinder den Vogel aus einem Versteck heraus. Trotzdem fanden sie auf ihre
Frage keine Antwort. Ein bisher unbeteiligtes Kind trat zu der Gruppe und fragte
nach, was denn los sei. Dann erklärte es das Phänomen auf einen Schlag: Der
Vogel sei doch der Schatten des Tieres an der Scheibe, ob dies den so schwer zu
verstehen sei? Die Erzieherinnen beobachteten diese Begebenheit aufmerksam und
machten sie zum Ausgangspunkt für verschiedene Projekte zum Thema Licht und
Schatten. Die Kinder vergaßen das Vögelchen nicht. Es wurde mit dem Schatten
zu einer Uhr, die je nach Sonnenstand Auskunft über die Tageszeit gab (vgl.
Commune di Reggio Emilia 1990; S. 50 ff).
Hier
wird deutlich, dass ganz alltägliche Erlebnisse gemeinsam diskutiert und
erforscht werden. So werden die Fragen geweckt, gemeinsam eine mögliche Lösung
gesucht, das Lernen gelernt.
(1)
Der Begriff "experimentell" sollte hier nicht im Sinne einer
Laborsituation missverstanden werden. Vielmehr verweist er auf die prinzipielle
Offenheit pädagogischer Situationen und Unternehmungen und die stete
Notwendigkeit, immer wieder auf neue, überraschende Wendungen antworten zu müssen.
Zu
diesem Konzept gehört es, dass sich die Pädagogen - sei es als Praktiker, sei
es als Forscher - im Hintergrund halten und ihr Wissen den Kindern nicht überstülpen.
Ihre Aufgabe ist zunächst einmal die einer intensiven Wahrnehmung der
kindlichen Tätigkeiten. So gesehen wird auch der Praktiker als teilnehmender
Beobachter zum ständigen Erforscher des Kindes und der aktuellen Situationen,
in denen er es vorfindet. In der Reggio-Pädagogik wird diese Wahrnehmung des
Kindes methodisch noch intensiviert durch Photographien, Tonbandaufnahmen und
Notizen oder Protokolle über Äußerungen der Kinder.
(2)
Diese vielfältigen Beobachtungen, die sich auf alle Bereiche kindlicher Tätigkeiten
und des kindlichen Ausdrucks beziehen, werden gesammelt und zuweilen auch als
umfangreiche Sammlungen kindlicher Äußerungen dokumentiert. Dabei fällt auf,
dass sich die Reggio-Pädagogen dabei weitestgehend wissenschaftlich
analysierender Kommentare enthalten. Sie tun dies jedoch nicht, weil ihnen kein
theoretisches Instrumentarium zur Verfügung stünde1,
sondern weil es ihnen zunächst darauf ankommt, für die Vielfalt kindlichen
Denkens und Handelns zu sensibilisieren, sowie zu zeigen, dass die Beschäftigungen
der Kinder mit einem Thema, z.B. dem des Schattens, nicht über einen
entwicklungspsychologischen Leisten zu schlagen ist. Sie stellen mit solchen
Dokumentationen unmittelbar vor Augen, dass Pädagogen, die sich auf die
individuellen Lebensäußerungen von Kindern einlassen, mit einer Menge Dinge
umgehen und pädagogisch darauf reagieren müssen, die sie nicht verstehen und
vermutlich auch niemals werden verstehen können.
Das
soll Pädagogen und Forscher natürlich nicht davon abhalten, das persönliche
Verständnis der kindlichen Äußerungen so weit wie möglich bei sich selbst
voranzutreiben. Man muss auch manches verstehen, um individuelle Hilfestellungen
beim Finden und Lösen von Problemen geben zu können. Ebenso selbstverständlich
sollte jedoch sein, dass Pädagogen nicht nur mit Verstandenem umgehen, sondern
ebenso mit Un- oder Halbbegriffenem, mit Geahntem oder Erspürtem. Sie müssen
neben der konkreten Hilfe in einzelnen Problemfällen auch Räume zur Verfügung
stellen, in denen Kinder - auch von den Pädagogen unverstanden - eigene
Fragestellungen vorantreiben können. Pädagogen brauchen hierzu so etwas wie
eine "negative Kapazität", wie Bion im Anschluss an Keats formuliert.
Gemeint ist damit, dass sie ein Maß an Un- oder Halbverstandenem aushalten können,
ohne es einordnen, vorschnell klären oder gar beseitigen zu müssen.
Dies
ist ein wesentliches Problem pädagogischer Wahrnehmung: Nicht nur wahrzunehmen,
was man bereits kennt und wofür man vorbereitete Denkkategorien hat, sondern
die Wahrnehmung auch für Unverstandenes, Widersprüchliches, nicht
Einordenbares zu öffnen. Diesem Zweck dienen also die ausführlichen
Dokumentationen der Reggio-Pädagogik über kindliche Äußerungen und Tätigkeiten.
(3)
Dessen ungeachtet verwenden die Reggio-Pädagogen aber auch viel Mühe darauf,
in Diskussionen und gemeinsamer Reflexion unter den Mitarbeitern das Verständnis
für die Wahrnehmungen zu verbessern und Schlüsse daraus für das pädagogische
Handeln zu ziehen. Diese Suche nach Verstehen hat zwei Dimensionen:
·
Zum einen richtet sie sich auf ein besseres Verständnis der
Kinder.
·
Zum anderen zielt sie auf Einsichten in die Struktur von
Problemstellungen, die die Kinder gefunden haben und die mit pädagogischer
Hilfestellung differenziert und weitergeführt werden könnten.
"Pädagogik
wird also als ein ständiger Forschungsprozess verstanden, bei dem es darum
geht, den kindlichen Wahrnehmungs- und Denkmustern immer näher zu kommen, um
auf diese Weise eine kindgerechtere Erziehung zu gewährleisten" (Laut,
Bericht, S. 10).
von M.S. und W.C.